ZEIT-Beitrag: "Männer, beendet die Gewalt"
- vor 20 Stunden
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Aus akuellem Anlass und im Lichte der Debatte zur Gewalt an Frauen und Mädchen durch Männer, möchten wir unseren Beitrag aus DIE ZEIT (2023) hiermit nochmal teilen. Das Thema bleibt leider aktuell und relevant.
Den ganzen Beitrag gibt es hier zu lesen.

Ein Auszug:
"Gewalt von Männern gegen Frauen ist so alltäglich, dass wir Männer sie kaum wahrnehmen. Doch wir alle sind ein Teil des Problems, auch wenn wir nicht schlagen."
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Männliche Gewalt an Frauen beginnt mit Symbolik
Das Problem mit uns Männern ist gemeinhin, dass wir den Zusammenhang zwischen physischer Gewalt gegen Frauen auf der einen und vermeintlich harmloseren Übergriffen wie sexistischen Witzen, Catcalling (also Rufen oder Hinterherpfeifen auf der Straße), überriffigem Flirten und vielen anderen nicht physischen Formen auf der anderen Seite nicht verstehen. Die Annahme, ja: die Überzeugung, ist weitverbreitet, dass es als Mann ausreiche, nicht selbst physisch gewalttätig zu sein. Dass, solange mir als Mann nicht die Hand ausrutscht, kein darüber hinausgehendes Engagement gegen Sexismus notwendig sei. "Ich bin ja selber kein Sexist" ist eine der häufigsten Ausreden, die wir von Männern hören, die sich nicht aktiv für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen.
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Uns ist noch kein Mann begegnet (uns selbst eingeschlossen), der in seinem Leben noch nie einen sexistischen Witz gemacht hat – oder darüber gelacht (und den Witz damit legitimiert) hat. Die Zahl der Männer, die noch nie eine Frau im Sprechfluss unterbrochen haben, dürfte ebenso überschaubar sein. Was ist mit uns Männern, die, beim Laufen auf einer vollen Straße, unterbewusst davon ausgehen, dass andere (und insbesondere Frauen) uns Platz machen werden? Und wer von uns hat nicht schon mal die Augen gerollt, als eine Frau über Sexismus oder Feminismus sprach?
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Wenn wir Männer ehrlich sind, müssen wir anerkennen, dass jeder von uns schon einmal symbolische Gewalt gegenüber Frauen ausgeübt hat und wir dies in vielen Fällen sogar tagtäglich tun – im Beruf, in der Familie oder auf der Straße. Damit bestätigen auch und gerade die Männer, die nicht physisch gewalttätig sind, ein patriarchales System, in dem Frauen, Mädchen und queere Menschen niedrigeren Wert haben als Männer und damit eine akzeptierte Zielscheibe von Gewalt bleiben. Möglicherweise wissen die meisten von uns über diese Wechselwirkung und Hierarchie noch nicht einmal Bescheid oder tun sie als Nebensache ab, und das ist der springende Punkt. Erst wenn wir Männer den Zusammenhang zwischen symbolischer und physischer Gewalt verstehen und bereit sind, uns aktiv unseren eigenen Dämonen und praktizierten sexistischen Verhaltens- und Denkweisen zu stellen, ist echte Veränderung hin zu einer gewaltfreien Gesellschaft möglich. Erst dann beginnt für uns Männer die Möglichkeit als Verbündete für und mit Frauen (Male Allies) zu agieren, mehr über Sexismus in all seinen Formen zu lernen und in kleinen Schritten jegliche Form von Gewalt, angefangen in der Symbolik, abzulegen.
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Männer als Verbündete gegen Gewalt
Was heißt das in aktueller Stunde? (...) Wir Männer müssen unser Schweigen brechen, hinsehen, lernen, reflektieren und handeln. Wir müssen Stellung beziehen. Tun wir es nicht, verlängert unser Schweigen und unsere Nichteinsicht den Status quo. Damit werden wir zu Mitträgern und Mittätern in diesem patriarchalen System. Die gute Nachricht: Veränderung ist möglich, und zwar heute schon.
Hier sind ein paar Vorschläge zum Start in das Leben als männlicher Verbündeter für Frauen, Mädchen und queere Menschen, die jeder von uns unmittelbar umsetzen kann:
Verbündete hören zu und glauben Frauen.
Verbündete lernen selbstständig, was Sexismus ist und was sie dagegen tun können.
Verbündete reflektieren eigenes sexistisches Verhalten und passen es im eigenen Leben an.
Verbündete erkennen eigenes männliches Privileg an und nutzen es für Veränderung.
Verbündete machen Platz für Frauen zum Sprechen, Denken und Führen.
Verbündete erkennen den Zusammenhang zwischen symbolischer und physischer Gewalt und sprechen sexistische Witze und andere Formen der verbalen Diskriminierung an.
Verbündete setzen sich für systemische und strukturelle Veränderung ein, am Arbeitsplatz, in den Medien, in der Politik.
Verbündete erkennen die Sorgearbeitslücke als Hürde der Gleichberechtigung und übernehmen (im Durchschnitt) 50 Prozent der Sorgearbeit, zum Beispiel durch lange Elternzeiten, Teilzeitbeschäftigung und so weiter.
Verbündete sprechen Sexismus mit ihren männlichen Freunden und Kollegen an und setzen das Thema immer wieder auf die Agenda.
Mag diese Liste auch sicherlich nicht vollständig sein, so ist sie immerhin ein Startpunkt für eine Gesellschaft, in der wir Männer aufhören, Teil des Problems zu sein, und stattdessen Teil der Lösung werden.
Lasst uns nicht bis zum nächsten Skandal oder der nächsten erschreckenden Kriminalstatistik warten, die Zeit für uns Männer als echte Verbündete ist heute.



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